Das Benzin und der Markt
An den von mir genutzten Tankstellen schwankt der Benzinpreis schon seit Wochen zwischen 1,33 und 1,47 Euro. Er war er in den letzten Jahren zwar auch unterhalb dieser Range, doch nur kurz und zuvor stieg er rasant. Das erklärt, warum die Benzinwut, zuerst vom ADAC ausgerufen und dann von der BILD aufgegriffen, nur bedingt durchs Lande hallt. Die BILD hat sich auch nicht sonderlich beeilt.
Der Benzinpreis in Europa steigt vor allem wegen der US-Käufe in Rotterdam im Frühjahr. Für die Amis ist es billiger, hier die Preise hochzutreiben und an die eigenen Endkunden weiterzugeben, als dass sie ihre Raffineriekapazitäten erhöhen und dadurch ihre Nachfrageschwankungen komplett abfangen.
Dadurch ergibt sich ein großer Teil der Frühjahrsnachfrage in Europa. Zugleich erklärt es auch die Paradoxie, dass der Ölpreis von März bis Mai so gerne und in aller Regelmäßigkeit steigt.
Das spekulative Kapital verstärkt an dieser Stelle die Stärke der Schwankungen und die Dauer der Trends, sie werden ausgeprägter. Innerhalb einer Trendphase werden dadurch die Absicherungsgeschäfte erleichtert, was an der Tankstelle preismindernd wirkt. Ebenso wie es in schwankungsanfälligen Zeiten eher preistreibend wirkt.
Soviel zur Theorie. In der Praxis funktioniert der Futuremarkt allein schon deshalb nicht, weil wenige Marktteilnehmer mit einem marktdominierenden Volumen die Preisgestaltung vornehmen und somit ihre eigenen Interessen verfolgen können. In der größten Krise seit 1929 stand der Ölpreis im Tief somit immer noch ungefähr viermal so hoch wie in der vergleichsweise harmlosen Rezession nach dem Platzen der Internetblase am Anfang des Jahrtausends.
Zurück zur Benzinwut in Europa, die irgendwie nur (noch) bei der Bildzeitung stattfindet. Es fängt schon damit an, dass hier WTI und BRENT durcheinander gewürfelt werden. Von Kritikern wie auch Befürwortern der Wut. Es sind, siehe anfängliche Ausführungen, zwei verschiedene Märkte.
Ebenso wild werden die Zahlen in den Raum geworfen. Würde man sich auf den WTI einigen, müsste man festhalten, dass dessen Tiefs erreicht wurden, als der Future auslief. Man kann sich das geben, würde im Handel aber frühzeitig auf den neuen Future wechseln. Zumal die Schieflage dann ohnehin per Cash-Settlement geregelt werden. Es fand diesbezüglich kein realmarktrelevanter Handel statt, den wir an der Tankstelle hätten merken können.
In diesem Zusammenhang kann ein kultureller Unterschied zu den Chinesen festgestellt werden. Deren große „Aufkäufe von Rohstoffen“ auf dem Weltmarkt waren ebenfalls zu einem großen Teil durch Spekulanten bedingt. Nur lassen die sich noch das Zeugs liefern und packen es in ihre Lagerhallen, zum späteren Direktverkauf. Was handelstechnisch auch den Vorteil hat, dass Handelsteilnehmer weltweit die chinesische Regierung hinter alledem vermuteten.
Für uns wichtig sind schlussendlich aber nur die Tankstellen und das, was wir dort bezahlen. Hier hat sich der Markt in den letzten zwei Jahren stark gewandelt. Innerhalb eines geringen Raumes hat man an den Tankstellen Preisunterschiede von bis zu 10 Cent. Wechselkurse und Absicherungsgeschäfte werden unmittelbar an den Kunden weitergegeben, um gegenüber der Konkurrenz zu glänzen. Vergleichen lohnt sich ebenso, wie die das Abpassen der neu eingeführten Preissenkungszeiträume. Sie wechseln ständig, lösen Schlangen an den Tankstellen aus und weisen nicht zuletzt darauf hin, dass der Markt entgegen allen Vorurteilen funktioniert.
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