Boom-Theorie (Inflation vs. Deflation fortgeführt)
Boom. Implosion. Letztere folgt auf Ersteren.
Uns Menschen gibt es bereits eine Weile und Finanzmarktkrisen sind nichts Neues. Im Gegenteil, es gibt sie seit Jahrhunderten und, schlimmer noch, sie funktionieren nach dem immer gleichen Schema.
Diese Feststellung, in dieser Einfachheit, dürfte nicht erst seit John Kenneth Galbraigths „Finanzgenies – Eine kurze Geschichte der Spekulation“ bekannt sein. Es war, seit es Finanzkrisen gibt, nur eine Frage des Wollens. Lesenswert ist es dennoch, ob der Mühe, die Galbraith darauf verwendete, das immer gleiche Schema zumindest unterhaltsam zu formulieren, auf dass das Lesen nicht zu sehr in Langeweile ausartet.
Es gibt auch noch mehr Literatur zum Thema:
Charles Mackay – Zeichen und Wunder. Aus den Annalen des Wahns
Manien, Paniken, Crashs. Die Geschichte der Finanzkrisen der Welt
Carmen Reinhart und Ken Rogoff – This Time is Different: Eight Centuries of Financial Folly
Gustave Le Bon – Psychologie der Massen
(Die Darstellung dient nur der Veranschaulichung, ich verdiene nichts daran, wenn das Zeugs geclickt oder gekauft wird.)
Gleich, ob nun Münzen mit einem Material der Wahl gestreckt werden und dadurch an Wert verlieren oder ob Notenbanken den Markt mit Geld fluten.
Es ändern sich allerdings die Mittel, mit denen auf den Markt gewirkt wird. Daran schrauben wir rum und die Erkenntnistheorie erzielt lediglich in diesen Bereichen Fortschritte. Dementsprechend zielen „Verbesserungen“ am Geldsystem immer nur auf die Kontrolle der Geldströme ab. Generelle Bewegungen werden nicht durch Einschränkungen aufgehalten, vielmehr beschleunigt.
Diese Kontrolle wird dann ebenso regelmäßig wieder abgebaut. Laut Galbraith (Pi mal Daumen) innerhalb von zwei Jahrzehnten nach der Krise. Dieser Zeitrahmen ist systemisch bedingt. Zwei Jahrzehnte sind beispielsweise die Durchsetzdauer, ab Eintritt in die Masse, von neuen Technologien. Erst dann haben sich allgemeingültige Standards (regulatorisch wie technisch) gebildet und ab hier beginnt der Verteilungskampf um die Marktanteile. Das Wachstum flacht sich also erheblich ab, Verdrängungswettbewerb und Margenschwund sind die Folge. Es ist die Zeit der Blue Chips.
Wodurch ein Boom entsteht, weiß kein Ökonom plausibel herzuleiten. Die Flucht in Szenarien und Erklärungsansätze, ohne konkret zu werden, soll das kompensieren. Selbst Harvard kommt zu dem Ergebnis, dass ein Boom schlussendlich nur Zufall ist.
Dabei schwingt immer die verweigerte Abgrenzung zu anderen Wissenschaftsbereichen mit. Die Fronten weichen sich hier erst seit der Jahrtausendwende auf. Erstaunlich, denn unsere „größten Genies“ waren selten nur auf einen Bereich spezialisiert. Vielmehr zeichneten sie sich durch das übergreifende Denken aus und fanden dadurch Lösungen, auf die abgegrenztes Denken nicht kam.
Gemäß obiger Feststellung, der generellen Verlaufsweisen, kann, sehr platt formuliert, immer nur Wachstum als Treibsatz herhalten. Wachstum ergibt sich aus Rahmenbedingungen. Sich öffnende Märkte sind, historisch betrachtet, am ehesten dazu geeignet Wachstum zu generieren. Ein weiterer oft anzutreffender, Treiber sind neue Technologien, die einem Land Vorteile im internationalen Wettbewerb verschaffen. Für die westliche Welt der bevorzugte Boom-Auslöser.
Früher war Wachstum sehr oft einfach nur durch territoriale Erweiterung getrieben. Es gibt sie auch noch heute, doch mit dem Siegeszug der Industrialisierung und der Demokratisierung der westlichen Welt, ist eine starke friedliche Komponente hinzugekommen. Es ist vergleichsweise einfach geworden, Wirtschaftswachstum aus dem generieren von Mehrwert zu schaffen. Dabei hat das Ausnutzen landestypischer Vorteile in unserer globalisierten Welt einen wesentlich stärkeren Effekt. Schon die Anzeichen von Wachstum werden umgehend mit spekulativen Investitionen aus dem Ausland belohnt und befördern das Wachstum damit.
Dabei ist nicht mehr die Größe eines Landes der wichtigste Faktor, sondern das Wissen seiner Bürger und die Fähigkeit, dieses Wissen in neue Technologien umzusetzen. Es ist kein Paradox, dass Wissen vor allem in friedlicher Umgebung gedeiht, die einen Antrieb von außen erhält. Der Antrieb ist dabei weniger friedlicher Natur. Kalter Krieg, aus der jüngeren Vergangenheit oder, aktuell, Kämpfe auf wirtschaftlicher Ebene. Dabei geht es der Bevölkerung gut, im Gegensatz zu den meisten rohstoffreichen Ländern, in denen noch ums Territoriale gekämpft werden muss.
Es gibt sie also noch, die Kriege, und es wird sie wohl immer gegeben, wenn es darum geht, etwas Greifbares zu erringen. In unserem Konstrukt sind diese Länder auf einem Technologieniveau weit unter dem unseren. Technologie bedarf immer der Rohstoffe, weswegen sich die, untereinander friedlichen, Globalisierungsgewinner an den Kriegen der rohstoffreichen Länder beteiligen. Direkt oder indirekt.
Es wird meist als zynisch angesehen, wenn behauptet wird, dass der territorial-ambitionierte Kampf dem Befördern des friedlichen Daseins der Wissensregionen dient. Es entspricht meiner Meinung und diese Regionen profitieren in Form von Reichtum und Frieden.
Politisch betrachtet heißt Globalisierung auch, dass Länderverbünde entstehen. Dieser Vorgang geschieht wesentlich langsamer, als die Globalisierung der Großunternehmen. Dadurch haben Unternehmen am Beginn dieser beschleunigten Phase den großen Vorteil, ein Land gegen das andere ausspielen zu können. Wir befinden uns zur Zeit in dieser Phase.
Die Allianzbildung der Länder bedarf zwar einiger Zeit, doch sie geschieht, wie man bspw. an der EU sehen kann. Theoretisch wächst damit der politische Gegenpol zur Macht des reinen Kapitals.
Diese Allianzbildung erfolgt, bis auf strategische Ausnahmen, unter Gleichen. Sie festigt dadurch den Status Quo, also den Frieden auf der einen und den Krieg auf der anderen Seite. In der Folge befördert dies einen verstärkten Wohlstandstransfer zu den Technologieführern. Die dann auch davon profitieren, dass sie stets wohltätige Aufbauarbeit leisten, während sie gleichzeitig mit einer Waffenlieferung nach anderen zur Zerstörung dieses Aufbaus beitragen. Es ist eine Warenkomponente mit vielfach positivem Effekt für den Verkäufer.
Doch so schön man Wachstum auch vielfach wirtschaftlich begründen kann, es ist vor allem eines:
Das generieren von Geld durch Bewertungen.
Kurze Abfolge
Ein Land hat Wissen. Es ist in der Lage dieses Wissen in Technologie zu wandeln. Diese Technologie drückt sich in Produkten aus, die in der Folge produziert und verkauft werden. Dadurch entsteht ein Wert X an Sachwerten. Für diese Sachwerte steht ein Wert Y an Krediten zur Verfügung. Kredite werden genutzt, um noch mehr Sachwerte zu produzieren. Z.B. durch die Erhöhung der Produktionskapazitäten um die Nachfrage schneller zu bedienen. Dadurch steigt auch die Bewertung der Sachwerte, was wiederum die Verfügbarkeit von Krediten steigert.
Bis zu diesem Punkt ist das System gesund, denn eines basiert auf dem Wert des anderen. Das schließt Rezessionen nicht aus, aber sie erfolgen auf niedriger, und vor allem wirtschaftlicher, Basis.
Ein Boom entsteht, wenn das spekulative Element zur wirtschaftlichen Komponente hinzukommt, also der (über die Kredite hinausgehende) Kapitalmarkt. Dieser soll eigentlich „nur“ eine sichtbare Bewertung für die Sachwerte generieren. Da er jedoch auf die künftige Entwicklung spekuliert, setzt er die Bewertungen für Sachwerte über ihrem aktuellen wirtschaftlichen Wert fest. Dadurch stehen mehr Kredite zur Verfügung, als wirtschaftlicher Wert vorhanden ist. Diese Kredite verteilen sich auf die Realwirtschaft und den Kapitalmarkt, wobei der Kapitalmarkt nebst den Krediten auch durch bspw. Aktien-, Anleihen- und Neuemissionen der Realwirtschaft Geld zur Verfügung stellt.
In den Anfängen solcher Bewegungen befördert die durch Bewertungen über dem aktuellen wirtschaftlichen Wert künstlich erhöhte Kreditmenge das Wachstum, weil zunächst der bestehende Nachfrageüberhang befriedigt werden kann. Sichtbares Wachstum hebt die Stimmung. Eine Phase, in der die Nachfrage das Angebot und das Angebot die Nachfrage erhöht, entsteht. Die Bewertungen der Sachwerte steigen stark (Beschleunigungsphase) und damit einhergehend die zur Verfügung gestellt Kreditmenge. Die wirtschaftliche Unterlegung dieser Bewertungen schrumpft (relativ gesehen) zunehmend.
Der Schrei nach Deregulierung der Märkte wird ab diesem Punkt lauter. Der Markt funktioniert und je mehr Markt man zulässt, je reicher wird das Land. Dieser Plausibilität verschließt sich kein Politiker, zumal immer irgendeine Wahl ansteht, bei der es mit Erfolgen zu glänzen gilt.
Der Kapitalmarkt wiederum braucht diese Deregulierung um das Wachstum aufrecht zu erhalten. Bei schrumpfender wirtschaftlicher Unterlegung geht es innerhalb des Kapitalmarktes nur noch um das Wachstum des Kapitalmarktes. Netter formuliert: Renditeoptimierung innerhalb einer ausgebauten Realwirtschaft. Im Volksmund Gier genannt.
Die Gier ist es, die das verbrecherische Element hinzukommen lässt. Je mehr Geld fließt, je mehr wird betrogen. Dies jedoch nur als Randnotiz.
Der größte Treiber für den Kapitalmarkt ist somit die Endphase des Wachstums der Realwirtschaft. Sie befördert die Kreativität und schafft Finanzinnovationen. Die Akteure des Kapitalmarktes beginnen verstärkt Derivate aufzulegen, die oftmals nur eine theoretische Sachwertunterlegung haben.
Die positiven Eigenschaften von Derivaten (Bsp.: Absicherungsgeschäfte) kehren sich dadurch um. Sie dienen in der Endphase eines Booms nur noch dem einen Zweck: Sie schaffen ob ihrer theoretischen Sachwertunterlegung neue Bewertungen, die sich in Kredite ummünzen lassen. In der Folge explodiert die Geldmenge. Der Kapitalmarkt druckt sich quasi sein eigenes Geld und befördert damit sein Wachstum.
Es ist das Strecken der Goldmünzen in modern und je weniger reale Unterlegung vorhanden ist, je mehr Derivate auf Derivate auf Derivate werden generiert. Nur so kann die Rendite gehalten werden. Ein Zwang aus dem Zwang heraus.
In diesem Gesamtkomplex bekommt der Kapitalmarkt ein immer stärkeres Gewicht innerhalb der Gesamtwirtschaft. Es ist der messbare Ausdruck des Booms und es wird sichtbar, wie weit sich die Bewertungen von der realen Unterlegung entfernt haben. Der Bedenklichkeitsrahmen liegt bei 8-10% des BIPs, wobei die Zahlen je nach genereller Struktur differieren.
Der Markt
Das zeigt, dass es keinen Faktor Freiheit in deregulierten Märkten gibt, der diese reguliert. Würde man nach solch einen Boom allein durch den Markt korrigieren lassen, wie er es benötigen würde, dann hätte dies ein Zusammenklappen des Systems zur Folge. Diese Verwerfung, als Regulierung, kann niemand wollen. Es geschieht auch nicht. Es scheitert an der Interessenlage und wird nicht zuletzt in den Bankenrettungen der aktuellen Finanzmarktkrise bewiesen.
Der Effekt deregulierter Märkte ist, dass der Staat in sie eingreifen muss, wenn es „mal wieder“ schief gelaufen ist. Die „unsichtbare Hand“, die das verhindern soll, kann es menschlich nicht geben. Sie wird bereits im Vorfeld dadurch verhindert, dass der Staat die Sektoren, in denen es gerade am besten läuft, dereguliert. „Irgendeine“ produktive Branche und damit einhergehend auch immer den Finanzsektor.
Die Ansprüche sind dann zwangsweise sehr ähnlich, denn Regulierung und Deregulierung bieten keinen kreativen Spielraum. Sie sind schematisch, auch wenn ihr Ansatz im Einzelfall differiert. Der psychologische Effekt eines Aufschwungs, „es funktioniert“, senkt dann nicht nur die Hemmschwellen, sondern erzeugt Erhaltungsdruck. Innenpolitisch wie auch durch die Konkurrenz zu anderen Ländern. Die eigene Industrie wird gestärkt und zieht dann mit dem Geld umher, erobert gefühlt die Welt. Gefühlt, da es sich um vagabundierendes Kapital handelt, welches sich keinen Verpflichtungen unterwirft.
Die staatlichen Eingriffe, während einer Krise, verhindern zunächst Schlimmeres. Banken überleben, Unternehmen bekommen ersatzweise Aufträge, Arbeitsplätze werden erhalten. Doch ist der Staat in seinem Tun theoretisch beschränkt, will er sich nicht übermäßig verschulden und dadurch ein starkes Inflationsszenario begünstigen. Der Staat hat genau eine Chance einzugreifen und Geld in die Wirtschaft zu pumpen.
Ich möchte mich hier bewusst an der aktuellen Krise orientieren, um eine Herleitung des weiteren Verlaufs generieren zu können. Die Vermischung aus genereller Theorie und Aktualität wird hingenommen.
Der unmittelbare Effekt des Staatseingriffes ist, dass die Geldmenge nicht in dem Ausmaß schrumpft, wie sie es tun müsste, um die Bewertungskorrektur vorzunehmen. Gleichzeitig stellen die Notenbanken den Banken das Geld zur Refinanzierung zur Verfügung, dass sie über den Geldmarkt nicht mehr bekommen. Es wird versucht, die Krise zu finanzieren und ihre Folgen über die Zeit zu Strecken.
Als unmittelbare Folge stoppt der Verfall der sichtlichen Bewertung. Eingebrochene Börsen erholen sich. In unserem Fall gab es bisher einen Anstieg der Börsen von März bis Dezember 2009. Die Maßnahmen von Notenbanken und Staaten wirken.
Dennoch setzten sich diese Maßnahmen nur bedingt in der Wirtschaft durch. Ein paar staatliche Aufträge stabilisieren das BIP auf niederem Niveau. Verlängerte Kurzarbeiterzeiten verhinderten Schlimmeres am Arbeitsmarkt. Alles auch unter der Annahme der Unternehmen, dass der Aufschwung bald kommt und man die benötigten Arbeitskräfte dann gleich zur Verfügung hat. Der Status der Kurzarbeit würde am Beginn eines Aufschwungs auch die Renditen etwas steigern. Das „Mitschleppen“ der Arbeitnehmer hätte sich damit gelohnt.
Wer mit offiziellen Zahlen agiert, sieht sich schnell dem Vorwurf ausgesetzt, dass diese ohnehin gefälscht sind. Wer es nicht tut, der muss seine Zahlen beweisen. Ich pflege hierzu ein sehr praktisches Verhältnis. Sprich, wenn schon die offiziellen Zahlen schlecht sind, dann muss es richtig übel aussehen. In diesem Sinne arbeite ich gerne mit offiziellen Zahlen, zumal sich die entscheidenden Akteure daran halten.
Alternativen bieten Seiten wie www.shadowstats.com.
Für die Geldmenge M3 bedeutet dies, dass sie durch Krisen theoretisch auf den als sinnvoll erachteten gleitenden Durchschnitt von 4% Wachstum per anno zurückgeführt werden müsste. Nach dem explosiven Wachstum (12%+) der letzten Jahre also zunächst stark fallen muss, um dahin zurückzugelangen. Nachträgliche Differenzen ergeben sich aus der Übertreibung nach unten.
Im November 2009 sank die Geldmenge im Euroraum gegenüber dem Vorjahr um 0,2%. Der Rückgang war unerwartet. Es heißt aber auch nicht mehr, als dass sie sich auf dem hohen Niveau stabilisiert. Das Verhindern der Bewertungskorrektur ist im vollen Gange. Das Strecken der notwendigen Abwertungen über die Zeit unterliegt hingegen der Bedingung, dass man sich zunächst vom Wachstum verabschiedet. Die geldpolitischen Maßnahmen somit Stück für Stück zurückfährt. Nur so wäre es möglich.
Daran glaubt keiner so recht, weswegen sich das Szenario der Hyperinflation in den Köpfen festsetzt. Es stellt sich an dieser Stelle die Frage, ob nicht eine Situation entstehen kann, in der die Geldmärkte zwar geflutet werden, dieses Geld dort jedoch komplett versickert oder gar nicht erst anderswo investiert wird und daher nur bedingt in die Realwirtschaft eindringt.
Wer sich dieser Tage bei Investoren umhört, wird oft zu hören bekommen, dass man gar keine Alternative zu den Aktien- und Future-Märkten habe. Staatsanleihen bringen nur auf die langen Laufzeiten gesehen erträgliche Renditen und Unternehmensanleihen sind zu risikobehaftet. Ebenso wie direkte Kredite nur an große und vermeintlich sichere Unternehmen gegeben werden und auch diese hohen Risikoaufschläge hinnehmen müssen.
Entsprechend ist die Refinanzierung für Unternehmen durch Kredite nur sehr teuer möglich oder sie findet gar nicht erst statt. Unternehmen. die an der Börse gelistet sind, konnten die positiven Börsen nutzen und sich über Kapitalerhöhungen Geld verschaffen. Dafür bekommt man Aktien und die steigen bekanntlich im Wert und sind schnell verkaufbar. Unternehmensanleihen konnten im Zuge dessen auch bei Anlegern platziert werden, wenn sie denn handelbar sind.
Da in den Jahren zuvor das Eigenkapital jedoch erheblich abgebaut und dann zusätzlich durch Abschreibungen in der Krise geschmälert wurde, dienen diese Maßnahmen der Überbrückung und dem Ausgleich der entstandenen Wertminderungen des Sachwerteportfolios. Dieses Kapital hat keinen Effekt auf Investitionen in die Realwirtschaft, es hilft dem Überleben.
Weniger leicht ist es für den Teil der Realwirtschaft, der über keine direkte Anbindung an den Kapitalmarkt verfügt.
Theoretisch setzt sich Inflation über eine Preisbildung aus Angebot und Nachfrage durch. Praktisch werden alle wichtigen Rohstoffe mittlerweile an Börsen gehandelt und unterliegen dadurch dem spekulativen Kapital, dass keinerlei Anreiz zum Investieren hat und sich dadurch auf das Spekulieren beschränkt.
Für die (noch) bestehende Produktion findet somit eine Inflation in den Rohstoffen statt. Diese steigenden Preise können nur bedingt direkt an den Kunden weitergegeben werden. Dies, da dieser ob drohender Arbeitslosigkeit oder bereits verlorener Arbeit ohnehin schon weniger kauft. Der Umsatz im Einzelhandel bricht entsprechend ein, da die endkundenseitige Nachfrage sinkt. Zur Zeit versuchen die Unternehmen diese Diskrepanz mit Preissteigerungen, durch die Absenkung von Packungsgrößen und „neuen Mischungen“, zu kompensieren.
Dabei bildet sich im Handel, besonders sichtbar bei den Lebensmitteln, eine Segmentierung. Bei Orangensaft gibt es beispielsweise fast nur noch Konzentratsaft zu kaufen, während Direktsaft mittlerweile als Premium verkauft wird und entsprechend teuer ist. Analog-Käse und künstliches Fleisch sind ein weiterer Schub in diese Richtung. Dem entgegen steht Bio-Kost oder andere „Premium-Lebensmittel“.
Derweil verstärkt sich auch der Konkurrenzdruck und übt weiteren Druck auf die Endkundenpreise aus. Nach einer kurzen Kompensationsphase, wie eben beschrieben, setzt der Verdrängungseffekt über die Preise ein. Unternehmen, die neues Eigenkapital bekamen und dennoch unter Druck stehen, sehen ihre Chance in der Verdrängung anderer Marktteilnehmer, die weniger Glück hatten, und hoffen dadurch eine mittelfristige Preisstabilisierung hinzubekommen.
Ein Kennzeichen des letzten Booms war es, dass die Realwirtschaft bereits zu kämpfen hatte. Die viel gescholtene Globalisierung sorgte während des Booms dafür, dass nahezu alle Unternehmen wachsend Rationalisierten. Sprich Stellen strichen, Prozesse optimierten und maschinisierten.
Auf der einen Seite steigerte dies die Margen, senkte auf der anderen Seite jedoch die Kaufkraft. In Deutschland kam hinzu, dass durch die Hartz-IV-Gesetze einer ganzen Bevölkerungsschicht die Kaufkraft genommen wurde. Nicht nur durch die abgesenkten Geldzuflüsse, sondern auch durch die davor gesetzte Vermögensverringerung.
Doch auch der arbeitnehmerunfreundliche Ausbau der Zeitarbeit, bei für den Arbeiter niedrigerem Lohn und das Schaffen von Lohnabsenkungen durch 1-Euro-Jobs wirkte mindernd. Lohndumping. Der Aufschwung kam nie unten an und somit entfällt die einst vorhandene Abfederung.
Der Staat stärkte dadurch vor allem den Produktionsbereich (Export), der nun auch wegbricht.
Für Deutschland heißt dies, dass eine spürbare wirtschaftliche Verbesserung nur dann eintreten kann, wenn der Rest der Welt sich wieder im Freudentaumel befindet. Exportwirtschaften profitieren immer erst dann, wenn der weltweite Aufschwung bereits fortgeschritten ist.
Dieser Effekt wird dadurch verstärkt, dass viele Staaten bemüht sind immer mehr „Daheim“ zu produzieren. Jeder kümmert sich um seine eigene Wirtschaft. Offensichtlichen Protektionismus konnte man bisher kaum registrieren. Hierin ist noch ein Unsicherheitsfaktor zu sehen.
Es ist an dieser Stelle für mich erstaunlich, dass seitens der deutschen Politik keine für mich sichtbaren Veränderungen an der Positionierung zu bemerken ist. Man setzt weiter auf den Export und vernachlässigt die Binnenwirtschaft. Auch die Kaufkraft scheint egal, denn entgegen vieler Bekundungen, läuft alles auf eine stärkere Belastung der Bürger, der Konsumenten, hinaus.
Ein aktuelles Beispiel dazu wäre das Durchdrücken des Wachstumsbeschleunigungsgesetzes um kurz darauf die, im Koalitionsvertrag vereinbarte, Steuersenkungen für breitere Bevölkerungsschichten in Frage zu stellen.
Wie prekär die Situation in Deutschland ist und/oder werden kann, lässt sich anhand der atypischen Arbeitsverhältnisse ablesen. Ihr Anteil liegt bei ca. 25%.
Diese Zahl ist auch insofern wichtig, als dass hierin das Konfliktpotenzial abzulesen ist. Die potenzielle Masse, die den Druck ab einer, von mir nicht definierbaren, Schmerzgrenze von unten verstärken wird.
Es wird für die Politik, nicht nur für die deutsche, bei einer nächsten Abwärtswelle sehr schwer vermittelbar, warum Banken Milliarden + Boni bekommen, die Bürger aber nicht. Dadurch könnte ein Sparzwang für den Staat entstehen, der auf alle Bereiche ausstrahlt und dann endgültig in die Deflation führt.
Es ist nicht kalkulierbar, ob die Politik sich diesem Zwang entgegenstellen kann.
Eine zweite Abwärtswelle ist auch deswegen gefährlicher als die bisherige, da durch die konträre Entwicklung zwischen Realwirtschaft und deren Bewertung durch den Kapitalmarkt längst ein neuer Kapitalmarkt-Boom entstanden ist, dessen verschobene Relationen ähnlich dimensioniert sind wie zuvor, das Rückschlagpotenzial somit das gleiche ist. Nur mit noch weniger Abfederungspotenzial versehen.
Deshalb bleibt meinerseits das Deflationsszenario aufrechterhalten.
Dies ist der erste Teil (börslich/wirtschaftlich) meiner Ausführung. Der zweite Teil (politisch/gesellschaftlich) folgt irgendwann.
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Brillanter Artikel. Hatte ich im “Freitag” nicht gelesen.
Gruß Bildungswirt