Zeitungen vs. Internetnutzung – Für Anna
Der Beitrag wurde nachträglich aus dem Archiv eingepflegt und ist vom 25.08.2009
Beim Thema Tageszeitung sind sich zurzeit alle einig, dass sie gestorben ist. Oder auch nur sterben wird. Jedenfalls braucht sie keiner mehr. Dennoch schockiert die Feststellung scheinbar.
Warum ich selbst keine Tageszeitung brauche, weiß ich:
Ich muss nicht morgen lesen, was heute passiert ist.
Ich brauch auch keinen der mir heute kommentiert, was gestern passiert ist.
Ich empfinde es als Verschwendung von Lebenszeit mich so zu informieren.
Das ist so,
… weil ich einen Live-Ticker mit Agenturmeldungen habe und somit ohnehin zeitnah informiert bin. Zugleich habe ich festgestellt, dass viele Artikel in Zeitungen auf diesen Agenturmeldungen aufsetzen. Die Onlineangebote der Zeitungen hingegen werden vielfach mit ihnen befüllt.
… weil ich RSS-Feeds nutze und mir so meine Informationsanbieter selbst zusammenstelle. Vor allem aber kann ich darüber unkompliziert die originären Quellen abdecken. Die RSS-Feeds wiederum liegen auf meiner Browserstartseite, eingebunden per Netvibes.
… weil ich Twitter nutze und das wiederum schon teilweise meine RSS-Feeds wieder ablöst. Idealerweise findet man im Laufe der Zeit Gleichgesinnte, die dann auch einen Teil der Informationen schon vorfiltern, was den Zugriff erleichtert. Dass Twitter nebenher auch als Minimalst-Chatclient zu gebrauchen ist, ist kein Nachteil.
… weil ich ICQ für schnell zu nutzende (Börsen-)Gerüchte oder die kurze Absprache am Rande nutze.
… weil ich ohnehin bei allem was ich im Internet mache, mit einer Vielzahl an Informationen versorgt werde. Per eMail erhalte ich halbwegs aktuelle Informationen. Wenn nicht das, dann tiefer gehend recherchierte.
… weil ich ein Telefon habe, wenn ein Thema das Gespräch erfordert.
Und wenn ich all das Mal nicht habe, dann habe ich eine abgespeckte Variante von all dem per iPhone. Also auch unterwegs verzichte ich auf wenig.
Das alles hat für mich aber wenig mit dem Thema „Zeitungen“ zu tun, da für mich entscheidend ist, dass ich Informationen schnell und unkompliziert erhalte. Bei vielen Artikeln, auch im Internet, reicht mir das lesen weniger Zeilen um den Inhalt zu haben. Die persönliche Meinung eines Autors interessiert mich im Tagesgeschehen nicht, da ich Informationen selbst verwerten und in meine persönliche Gedankenwelt einbinde. Einbinden muss, wenn ich erfolgreich arbeiten will.
Als ich kürzlich mal Urlaub machte, habe ich im Selbstversuch mein iPhone auf der Fahrt dahin „zerstört“ und den Laptop nicht dabei gehabt. Am Kiosk hat mich bei den meisten Zeitungen dann allein schon die Aufmachung gestört. Boulevard interessiert mich einfach nicht. Also landete ich klassischerweise bei der FAZ. Auch Fernsehen hatte ich seit Ewigkeiten mal wieder laufen. Im Fazit habe ich dann festgestellt, dass ich allein durch das (grausame) Morgenprogramm des ZDF bereits alle Informationen hatte, die eine FAZ mir bot. Das betraf zwar nicht alle Rubriken, aber die Entscheidenden, sprich: „Was ist los auf der Welt?“
Selbst die weiterführenden Informationen haben mir nichts gebracht, da ich sie schon kannte. Es wird schlichtweg etwas Historie beigemischt und das war es dann.
Ich halte diese Art von Medienkonsum aber nicht für Standard und ich bezweifel, dass unsere Jugend wirklich in diese Form des Informationsgenusses hineinwächst. Ich stand letztens beispielsweise in einer langen Schlange an einer Kasse. Während ich noch überlegte ob ich es wagen kann mein iPhone auszupacken und etwas zu spielen, ohne auf dem Parkplatz nach dem Bezahlen abgestochen zu werden, weckte mein Interesse dann doch eher das Gespräch der hinter mir stehenden Jugendlichen.
Neben dem üblichen „x ist toll und y ist doof“, beklagte sich eine der beiden dann umgehend darüber, wie anstrengend es ist doch ist. Sie habe MSN, ICQ und Yahoo und bei SchülerVZ sei sie auch. Und wenn sie denn mal am PC ist, dann weiß sie gar nicht was sie machen soll. Multimessenger waren ihr unbekannt. Dafür war sie sehr gut darüber informiert, dass der Internetradio-Stream von x wesentlich mehr Zuhörer hat als der von y. Und sie engagiere sich da ja schon lange ohne Lohn für x.
Erkenntnisreich war deren Gespräch wohl nur für mich.
Was mir jedoch sehr gut gefällt, und das bevorzugt in Print, sind Monatshefte wie „Die Blätter“ oder „Internationale Politik“. Da stimmt einfach das Niveau, zumindest für mich. Beim Lesen filtern muss man dann allerdings immer die politische Richtung und alles wird ohnehin nicht gelesen. Es ist da auch mehr die Buchform und der Abstand. Beides sorgt für den Mehrwert, der sich in den Artikeln bemerkbar macht.
Beim Freitag hingegen lese ich erstaunlich wenig. Genau drei Autoren regelmäßig, ansonsten Themenbezogen. Ich mag da irgendwie mehr die Plattform und die grundsätzliche Idee. Dabei noch der Bezug auf eine Aussage von Janusz Biene:
„5. Die Zeit fehlt. Und: Die Informations-Überflutung dieser Tage schafft nicht nur Konkurrenz sondern überfordert die Menschen. Potentielle Leser, also Schüler, Studierende und Berufstätige, haben alle Hände voll zu tun mit der Expressschule, Expressuni und Job. Davor und danach stehen im Idealfall Familie und Freunde im Mittelpunkt, heute aber häufig chillen, Zeit totschlagen, daddeln und glotzen. Das Zeitfenster für diese Freizeitaktivitäten ist begrenzt, für eine ausführliche Zeitungslektüre kein Platz.
Eine kritische Auseinandersetzung mit der komplizierten Umwelt wird heute oft als störend und überfordernd wahrgenommen. Gute Tageszeitungen wollen gerade Letzteres fördern. Doch wenn sich die Mehrheit der Menschen lieber zu Tode amüsieren will, haben sie verloren.“
Das ist eine der Mythen, die man seitens der Zeitungsmacher gerne verbreitet, da sie dem eigenen Klischeedenken entsprechen. Neil Postman würde sich im Grabe umdrehen, betonte er doch immer wieder, dass er die reine Unterhaltung an sich, als nicht schädlich betrachtet.
Vor allem Formate wie „The Daily Show“ zeigen, dass beides geht. Unterhaltung und Information. Beim Thema Information unterliegen wir nur all zu gerne dem Glauben, dass mehr Information zwangsläufig zu mehr wissen führt. Es wird nicht anerkannt, dass eine Information, auf ihren Kern beschränkt, bereits ausreicht, um bei stetem Zufluss ein Informationsbild zu generieren. Nur wird das nicht aktiv von einem Journalisten geprägt sondern von der jeweiligen Person selbst. Da dies nicht unmittelbar zu spüren ist, muss es der gängigen Denkweise nach schlecht sein.
Ich kenne in diesem Zusammenhang viele Zeitungsleser, die sich bspw. darauf beschränken die kleinen Infokästchen und Mini-Nachrichten zu lesen. Die ohne Umschweife auf den Punkt kommen und alles andere außen vor lassen, was als informativer Journalismus gilt.
Generell betrachtet sehe ich auch nicht das große Zeitungssterben in Deutschland. Momentan werden nur die Überkapazitäten abgebaut, die man in wirtschaftlich guten Zeiten geschaffen hat und die man sich schizophrenerweise durch den Aufbau von Zentralredaktionen noch mal zusätzlich generiert. Wenn ohnehin alles aus einer Feder kommt, dann brauche ich nur eines von den angeschlossenen Produkten, wenn ich denn überhaupt noch Lust darauf habe und nicht allein deswegen schon gen Internet wandere.
Hier redet man sich selbst in den Untergangswahn, den man seinen Lesern sonst nur per Berichterstattung über die Schweinegrippe zu Teil werden lässt. Das macht den Journalisten unsympathisch. In Deutschland gibt es auch keine ausgewogene Berichterstattung mehr. Alles ist ein Wunder oder ein Drama, nichts ist einfach nur da oder gegeben. Nichts ist eine Information.
